Interview mit Meike vom Kinder-und Jugendhospiz Wilhelmshaven

Erinnert Ihr euch noch an diesen Aufruf vor 1,5 Jahren. Damals hat Sabine nach Nähmaschine und Zubehör für das Kinder und Jugendhospiz Wilhelmshaven gesucht. Es war unglaublich schön, wie Dank euch, in kürzester Zeit dieser Wunsch erfüllt werden konnte. Bald darauf konnten die Spenden überreicht werden. Immer mal wieder haben wir darüber berichtet und nach wie vor wird im Hospiz fleissig genäht und gestickt.

Ich bin sicher, ihr freut euch genauso wie wir über Neuigkeiten aus dem Hospiz – wird da noch immer genäht und gestickt ?

Meike war so lieb und hat mir ein paar Fragen beantwortet…

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Liebe Meike, bitte stell Dich kurz vor, unsere Leser wissen zwar, dass du als Krankenschwester im Hospiz arbeitest aber wie verbindest du deine Arbeit  mit dem Nähen? Wie machst du das genau?

Als Krankenschwester war ich zunächst mehrere Jahre im Klinikbereich tätig. Bevor mein Weg ins Kinder- und Jugendhospiz führte, habe ich zunächst in der häuslichen Kinderintensivversorgung gearbeitet. In meinem Alltag außerhalb des Hospizes bin ich stolze Mutter von vier wundervollen Kindern und verheiratet mit meinem Traummann. Zu unserer Familie gehören außerdem ein Kater, viele Hühner (die Wohnrecht auf Lebenszeit haben) und seit neuestem unsere Erna – eine kleine große Hundedame. Ich nähe wieder seit der Geburt von unserer Martha vor 5 Jahren und ich habe es schnell zu meinem Yoga in dem doch oft recht turbulenten Alltag auserkoren. Beim Nähen schalte ich ab, lasse meinen Gedanken freien Lauf und hinterher freue ich mich über das, was entstanden ist.

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Viele von uns können sich ein Kinderhospiz nicht wirklich vorstellen. Auf Eurer Webseite und Facebook Seite kann man schon viel sehen und lesen. Ihr habt ein sehr schönes Haus und es sieht alles sehr familiär, gemütlich und fröhlich aus. Die Familien werden da über einen längeren Zeitraum begleitet, tanken Kraft und werden unterstützt. Wie dürfen wir uns das vorstellen? Ist Nähen ein Teil des Freizeitprogrammes? oder darf jeder nach Lust und Laune wann immer man Lust, Zeit und Kraft findet oder gibt es da auch Kurse? Wann findet das Nähen bei euch statt?

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Unser Haus steht sowohl unseren kleinen Gästen mit einer lebenslimitierenden Diagnosen als auch deren Familien offen. Die meisten unserer kleinen Gästen kommen mit ihren Familien zu uns, damit alle einmal Kraft tanken können. Eltern können mal wieder durchschlafen und sie verbringen mehr Zeit mit den Geschwistern. Damit sich die Familie wohlfühlt und Eltern ihr Kind in unsere Obhut geben möchten, ist es wichtig, Vertrauen zu schaffen.

Während des Aufenthaltes gibt es verschieden Angebote. Dazu gehört neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung z. B. Reittherapie oder Akupressur für das erkrankte Kind. Für Eltern besteht die Möglichkeit, am Elternfrühstück teilzunehmen oder die Familie verbringt gemeinsam einen Tag an der Küste. Das Nähen ist ein fester Bestandteil in unserem Wochenprogramm. Jeden Freitag gibt eine sehr engagierte Dame Nähkurse. Zudem bekommt jede Familie, die gerne Nähen möchte, eine Box mit allem wichtigen Nähzubehör und eine Nähmaschine bereitgestellt. Die Stick- und Overlockmaschinen teilen sich die Familien, sie dürfen jederzeit nach Lust und Laune nähen. Zum Nähen gehört auch Stoff – einiges haben wir dank großzügiger Spenden von Farbenmix, Stoffwelten aber auch toller Spenden von Privatpersonen im Lager. Die meisten Mütter nutzen allerdings sehr gerne das Angebot, einmal bei Farbenmix staaars einkaufen zu gehen und kommen immer sehr glücklich wieder zurück-das geht mir aber auch immer so .

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Nähen ist die beste Therapie – das lese ich öfter: Mir geht es auch so, dass ich an der Nähmaschine während eines kreativen Prozesses eigentlich alles andere drum herum ausblenden kann. Einfach mal die vielen Gedanken außen vor lasse und am Ende halte ich ein selbstgenähtes Werk in der Hand. Nähen ist soviel mehr als die Summe der Einzelprozesse. Das hantieren mit bunten Stoffen, Garne, Webbändern, Farben und verschiedenen Schnitten hebt meine Laune immer und auch wenn mal nicht alles so 100% läuft, ist die Zeit an der Nähmaschine für mich wie eine kleine Kur. Beobachtest Du das auch bei euren Mütter (oder vielleicht nähen auch Väter mit?), wie so ein kreativer Prozess sich auf Körper Seele und Geist auswirkt?

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Das beobachte ich immer wieder. Ich könnte zahlreiche Beispiele aufzählen, in denen sich Mütter, Väter und auch Geschwister entspannen und sehr unbeschwert wirken. Gemeinsam an der Nähmaschine zaubern, zusammen mit der Stickmaschine kämpfen (wenn Papas unbedingt ein  Werder-Zeichen haben wollen…) und über Schnittmuster beratschlagen. Der Fokus rückt für einen gewissen Zeitraum auf dieses wunderbare Hobby, es wird gefachsimpelt, es werden Lösungen gefunden und zum Schluss freut sich jeder über das, was er gezaubert hat. Es werden beim Nähen aber auch ernste Gespräche geführt, es wird gelacht und geweint. Das Nähen verbindet, schafft Vertrauen und hilft vielen Menschen dabei, sich zu öffnen.

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Viele Eltern entdecken das Nähen auch als ihr Yoga und ab dem zweiten Aufenthalt kommen die Kinder schon mit dem ein oder anderen selbstgenähten Stück zu uns.
Hier fällt mir gerade dieses Beispiel ein: Als sich die Situation von einem unserer Gäste verschlechterte und die Mutter nur warten konnte, wie das Schicksal entscheidet, hat sie angefangen, einen recht umfangreichen Jackenschnitt nähen. Naht für Naht wurde sie ruhiger. Die Aufregung stieg erst wieder, als der Reißverschluss eingesetzt werden sollte. Die Jacke war fertig und ihr Kind hatte sich wieder stabilisiert. Die Mutter erzählte später, dass sie ohne diese „Aufgabe“ diese Zeit kaum hätte aushalten können.

Wir würden gerne noch ein bisschen mehr über das Kinder-und Jugendhospiz erfahren: Wie schafft Ihr es euren Familien das Gefühl eines Zuhauses zu geben? Eure Familien sind ja wahrscheinlich über mehrere Wochen bei Euch ? Wie sieht so ein Tagesablauf aus?

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Bei jeder Aufnahme führen wir ein Gespräch mit den Eltern über die Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen, aber auch über feste Medikamentenpläne oder therapeutische Maßnahmen der kleinen Gäste – je mehr wir über die Kinder wissen, desto besser können wir auf sie eingehen.

Der Tagesablauf richtet sich nach den Bedürfnissen des Gastes. Dabei orientieren wir uns daran, was uns die Eltern oder auch der Gast selber erzählen.
Die meisten Familien nehmen die Mahlzeiten gemeinsam in der großen Wohnküche ein. Dort wird gelacht, geweint, gelebt und es werden viele Gespräche geführt. Die Familien nutzen, sobald sie uns ihr Kind anvertrauen mögen, ihre Zeit für sich. Wir gestalten die Tage der kleinen Gäste um ihre festen Zeiten herum mit Aktivitäten, die zu ihnen passen. Das kann ein Ausflug an den Strand sein, schaukeln im Bewegungsraum, Musiktherapie, kuscheln oder vorlesen im Snoezelraum.

Gibt es bestimmte Feste oder Rituale im Hospiz?

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Jedes Kind bekommt bei seinem ersten Aufenthalt einen Kristall, den es selber oder die Familie auswählt. Dieser Kristall wird im Eingangsbereich aufgehängt und bleibt für immer bei uns – auch, wenn das Kind verstorben ist. So hinterlässt jeder Gast auch für andere sichtbar Spuren in unserem Haus.

Darüber hinaus fertigen wir mit jedem Kind/jungen Menschen einen Abdruck von dessen Hand oder Fuß an. Dieser wird auf Sand geklebt in einem Bilderrahmen an die Wand gehängt. Den Rahmen gestalten die Familien. Darauf stehen außerdem der Name und das Geburtsdatum des Kindes. Verstirbt ein Kind, bekommen die Eltern den Bilderrahmen und eine kleine Feder wacht ein Jahr an dieser Stelle, bis sie wieder freigegeben wird. Danach hängen wir sie an ein Vogelhäuschen, entweder an das persönliche,wenn ein Kind in unserem Haus verstorben ist oder an das Vogelhäuschen ,das für alle Kinder in unserem Herzen steht. Sie befinden sich in unserem Erinnerungsgarten und die Familien können jederzeit kleine Briefe einwerfen.

Verstirbt ein Kind bei uns, haben wir oft eine intensive Zeit miteinander verbracht. Gedanken, Gefühle und manchmal auch lustige Geschichten halten wir in selbst gestalteten „Erinnerungsbüchern“ fest und lassen sie den Eltern nach einem bestimmten Zeitraum zukommen. Auch wenn unsere Eltern immer herzlich Willkommen sind, findet einmal jährlich ein „Erinnerungstag“ statt. Hierzu sind alle Familien der verstorbenen Gäste eingeladen, um mit uns zusammen an ihre Kinder zu denken. Es gibt einen Gottesdienst, ein gemeinsames Essen und einen Gang in den Erinnerungsgarten. Durch den Garten zieht sich eine lange Leine mit bunten Stoffbändern und Stoffbänder auf denen die Namen der verstorbenen Kinder gestickt sind. Neben dem auflockernden Farbenmix geben sie den Eltern auch einen geschützten Raum auf dem Weg in den Erinnerungsgarten.

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Wie können wir Euch /Dich bei der Arbeit unterstützen? Braucht Ihr noch Stoffspenden, Materialspenden oder sonstiges? Habt ihr einen Herzenswunsch?

Der Aufenthalt für das erkrankte Kind wird zu 95 Prozent von den Kostenträgern übernommen. Die weiteren fünf Prozent sowie die Kosten für Unterbringung, Begleitung und Verpflegung der Angehörigen muss die mission:lebenshaus gGmbH als Träger aus Spenden aufbringen – dies sind 50 Prozent der Gesamtkosten. Daher sind wir für unsere Arbeit dringend auf Spenden angewiesen.
In Bezug auf das Nähen freuen wir uns immer wieder über schöne Stoffe für die Eltern und Geschwister, bunte Bänder, bunte Knöpfe, aber auch Verbrauchsmaterialien wie Nähmaschinennadeln und alles, was das Nähen ein bisschen zum Zaubern werden lässt.

Für die Eltern wünsche ich mir ein oder zwei robuste und zuverlässige Overlockmaschinen. Unsere Familien werden von blutigen Anfängern schnell zu kleinen Profis und möchten auch hübsche linke Seiten haben. Das wäre dann jederzeit möglich.

Liebe Meike, vielen lieben Dank, dass Du uns einen kleinen Einblick in eure Arbeit gewährt hast. Es freut uns sehr, dass fleissig genäht wird, dass Familien beim Nähen ein schöne Abwechslung erleben dürfen.  Wir haben noch was für euch.. nämlich ein… 

…Weihnachtsgeschenk:

Liebe Meike, wir freuen uns sehr, dir mitteilen zu dürfen, dass der Nähpark Diermeier in Cham und farbenmix dem Kinder-und Jugendhospiz eine neue Bernina 800 DL schenken.

Danke für Eure Arbeit und für euer Engagement

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Herzliche Grüße von Emma

 

 

5 thoughts on “Interview mit Meike vom Kinder-und Jugendhospiz Wilhelmshaven

  1. Ani Lorak:

    Danke für die Einblicke. Ich bewundere diese Arbeit und habe Hochachtung davor.

  2. Vielen Dank für das tolle Interview. Ich bin selbst Krankenschwester und arbeite hier in Dänemark viel mit unheilbar Kranken. Auch hier gibt es wenige Hospize, aber soweit ich weiss keines für Kinder und auch nicht in dieser Form. Hut ab vor der tollen Arbeit, die dort von Meike und allen anderen Mitarbeitern geleistet wird! Für die betroffenen Familien ist das ganz bestimmt eine unschätzbar grosse Hilfe. Die Idee mit dem Nähen ist einfach grossartig und ich freue mich, wenn wirklich ganz viele spenden dort eintreffen, so das man keine Einschränkungen mit Materialien und Maschinen hat :0) Ich bin sehr beeindruckt! Ganz LG aus Dänemark
    Ulrike

  3. Gudu21:

    Ganz herzlichen Dank für das wunderschöne Interview und die liebevolle Arbeit, die dort im Kinderhospiz geleistet wird. Ich bin sehr gerührt und beeindruckt von der Arbeit, die Meike und die anderen Kollegen (Kolleginnen) dort Tag für Tag für die kranken Kinder und deren Familien erbringen. Beim Lesen hatte ich Tränen in den Augen, so hat mich das Interview berührt. Deshalb hoffe und wünsche ich, dass viele gute Menschen außer dem Farbenmix-Team und dem Nähpark in Cham mit großzügigen Spenden das Kinderhospiz beglücken. Das Nähen und Kreativsein scheint tatsächlich eine Art von Therapie zu sein. Selbst etwas Schönes zu schaffen wirkt sich positiv auf die Psyche aus. Schon Augustus hat einst erkannt: „Vom Schönen lebt das Gute im Menschen und auch seine Gesundheit.“
    In diesem Sinn ganz liebe Grüße und alles Gute für den Fortbestand der Arbeit im Kinderhospiz
    Gudrun

  4. Meike:

    Liebes Farbenmix Team,
    kann der Feierabend eines Nachtdienstes schöner sein? Dieses Geschenk ist unglaublich und ihr greift uns zusammen mit dem Nähpark wieder einmal wahnsinnig unter die Arme. Ich bin sehr dankbar bereits einen Teil der Farbenmix-Familie auf verschiedenen Wegen kennen gelernt zu haben und immer wieder überwältigt,wie herzlich jeder einzelne ist. Die Overlock Maschine wird noch dieses Jahr einigen Eltern viel Freude bereiten und ich spreche wohl auch im Sinne der Eltern,wenn ich mich ganz tüchtig für dieses unglaubliche Geschenk bedanke.
    Ihr seid allesamt wunderbar und ich wünsche euch einen gesunden und glücklichen Rutsch ins neue Jahr…
    Liebste Grüße
    Meike

  5. tanja:

    danke für den hervorragenden beitrag und euer großartiges engagement!!!

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